In Deutschland wird viel über Energiesicherheit, geopolitische Risiken und die Abhängigkeit von autoritären Staaten gesprochen. Doch während Politikerinnen und Politiker öffentlich betonen, wie wichtig eine robuste, staatlich kontrollierte Infrastruktur sei, passiert hinter den Kulissen etwas völlig anderes: kritische Energieanlagen werden an private, ausländische Konzerne verkauft, deren Interessen nicht zwingend mit den Zielen einer demokratischen, nachhaltigen Energiepolitik übereinstimmen.
Ein besonders brisantes Beispiel dafür ist der Verkauf des deutschen Tanklagerbetreibers Tanquid an das US-Unternehmen Sunoco, eine Tochter des Energieriesen Energy Transfer. Dieser Deal ist nicht nur ein wirtschaftlicher Vorgang – er ist ein politisches Signal. Und ein gefährliches dazu.
Ein unscheinbarer Name – mit enormer Bedeutung
Die wenigsten Menschen kennen Tanquid. Dabei betreibt das Unternehmen 15 Tanklager in Deutschland und ein weiteres in Polen. In diesen Anlagen lagern rund drei Millionen Kubikmeter Öl und chemische Produkte – genug, um einen gigantischen Würfel mit 144 Metern Kantenlänge zu füllen.
Damit ist Tanquid der größte nichtstaatliche Betreiber von Öllagern in Deutschland. Und genau deshalb ist das Unternehmen offiziell als kritische Infrastruktur eingestuft.
Kritische Infrastruktur bedeutet:
- Sie ist essenziell für die Versorgungssicherheit.
- Ein Ausfall hätte massive Auswirkungen auf Wirtschaft und Bevölkerung.
- Der Staat muss sicherstellen, dass sie geschützt und kontrolliert wird.
Doch genau diese Kontrolle wurde nun – zumindest teilweise – abgegeben.
Wer ist der neue Eigentümer? Ein Blick hinter die Fassade
Der Käufer Sunoco gehört zum US-Konzern Energy Transfer, einem Unternehmen, das in den letzten Jahren immer wieder durch negative Schlagzeilen aufgefallen ist.
Laut Greenpeace und Medienberichten ist Energy Transfer:
- Betreiber der umstrittenen Dakota Access Pipeline, gegen die indigene Gruppen und Umweltschützer protestierten.
- Verantwortlich für SLAPP-Klagen gegen Greenpeace USA und Greenpeace International – Einschüchterungsklagen, die darauf abzielen, kritische Stimmen mundtot zu machen.
- Eng verbunden mit Kelcy Warren, einem Milliardär und Großspender für Donald Trump, der massiv politischen Einfluss ausübt.
Mit anderen Worten: Ein Konzern, der fossile Interessen aggressiv verteidigt und demokratische Prozesse unter Druck setzt, erhält Zugriff auf deutsche Energieinfrastruktur.
Warum ist das gefährlich?
Energieinfrastruktur ist ein sicherheitspolitisches Gut
Öllager sind nicht nur wirtschaftliche Anlagen. Sie sind strategische Punkte, die im Krisenfall über Versorgungssicherheit entscheiden.
Wenn ein ausländischer Konzern – noch dazu einer mit politisch umstrittenen Verbindungen – Kontrolle über solche Anlagen erhält, entstehen Risiken:
- Einflussnahme auf Versorgung und Preise
- Abhängigkeit von ausländischen Interessen
- mögliche Nutzung als politisches Druckmittel
Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen sollte Deutschland solche Risiken minimieren, nicht vergrößern.
Der Deal betrifft auch militärisch relevante Infrastruktur
Besonders brisant: Tanquid hält 49 % an der Fernleitungs-Betriebsgesellschaft (FBG), die Kerosin für Militärflugplätze liefert – darunter auch Standorte, an denen US-Atomwaffen lagern.
Das bedeutet:
Ein US-Konzern mit engen Verbindungen zu Donald Trump hätte indirekt Einfluss auf die Versorgung militärischer Einrichtungen in Deutschland.
ZDF und FOCUS sprechen deshalb von einer „politisch hochbrisanten“ Konstellation.
Der Staat hat den Verkauf genehmigt – trotz aller Warnungen
Das Bundeswirtschaftsministerium hat den Deal genehmigt, allerdings „unter Auflagen“.
Diese Auflagen sehen vor, dass Tanquid seine Pipeline-Anteile an den Bund verkaufen muss.Doch das ändert nichts am Kernproblem:
Doch das ändert nichts am Kernproblem:
Ein Fünftel der deutschen Tanklagerkapazitäten ist nun in der Hand eines US-Konzerns.
Greenpeace kritisiert daher völlig zu Recht, dass die Bundesregierung diesen Verkauf niemals hätte zulassen dürfen.
Ein strukturelles Problem: Deutschland verkauft seine Sicherheit
Der Fall Tanquid ist kein Einzelfall. Immer wieder werden kritische Anlagen – ob Häfen, Stromnetze oder Energieunternehmen – an ausländische Investoren verkauft.
Das Problem dabei:
- Private Investoren handeln nicht im Interesse der öffentlichen Sicherheit.
- Staaten wie China, Katar oder die USA verfolgen geopolitische Ziele.
- Deutschland verliert Stück für Stück die Kontrolle über seine Grundversorgung.
Es ist paradox:
Während die Politik öffentlich über „strategische Autonomie“ spricht, wird im Hintergrund genau das Gegenteil praktiziert.
Was müsste passieren?
Ein verantwortungsvoller Staat würde:
- kritische Infrastruktur grundsätzlich in öffentlicher Hand halten
- Auslandsverkäufe gesetzlich verbieten oder extrem streng regulieren
- Transparenz schaffen, damit solche Deals nicht erst nachträglich bekannt werden
- Energiepolitik entpolitisieren, statt sie privaten Konzernen zu überlassen
- SLAPP-Klagen als Ausschlusskriterium für Investoren definieren
Denn wer demokratische Organisationen verklagt, sollte keinen Zugriff auf lebenswichtige Infrastruktur erhalten.
Fazit: Der Tanquid-Deal ist ein Warnsignal
Der Verkauf zeigt, wie verletzlich Deutschland ist, wenn es um seine Energieversorgung geht.
Er zeigt auch, wie leichtfertig politische Entscheidungsträger mit sicherheitsrelevanten Themen umgehen.
Und er zeigt, dass wir dringend eine Debatte darüber brauchen, wem kritische Infrastruktur gehören darf – und wem nicht.
Denn eines ist klar:
Ein Staat, der seine sicherheitsrelevanten Anlagen verkauft, verkauft ein Stück seiner Souveränität.